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In Lippstadt zu Hause.... |
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Beobachtungen aus der heimischen Natur durch die Jahreszeiten. |
Die
NABU -Beiträge sind erschienen in "Lippstadt am Sonntag"
Autor:
P.Hoffmann |
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Dezember 2004 Zooflüchtlinge und
Irrgäste...
In Lippstadt zu Hause fühlen sich seit einigen Jahren einige Tierarten,
die es hier ganz offensichtlich früher nicht gegeben hat. Da sind z.B. entlang der Lippe
und der Baggerseen eigenartige Gänse zu beobachten, die sich mit ihren auffälligen
Farben noch nicht in unsere Vorstellung von heimischer Natur einfügen wollen. 1991 habe
ich zum ersten mal eine dieser afrikanischen Nilgänse auf einem abgeernteten Acker stehen
sehen. In meinem „Vogelführer“ fand ich den braun-beigen Vogel mit den leuchtend
grünen Spiegelfedern an den Flügeln, den kräftig rosafarbenen Beinen und dem knallroten
Schnabel auf den letzten Seiten in der Abteilung: „Zooflüchtlinge“ und „Irrgäste“.
Die Nilgans galt als Exot und Ausnahmeerscheinung. Nur wenige Jahre später wurde ein
brütendes Nilganspaar an der Lippe, westlich von Lippstadt beobachtet und kurz darauf –
wie konnte es anders sein - ließ sich ein solches Gänsepaar auch am Zachariassee nieder.
Mittlerweile sehen wir die kleine, hochbeinige Gans entlang der Flüsse überall im Lande
und bei den angrenzenden Nachbarn. Zur Mauserzeit im Sommer treffen sich bei uns
inzwischen mehrere Hundert der seltsam schnarrenden Vögel, immer etwas Abseits von den
Graugänsen. Bei vielen Naturbeobachtern – ob Jäger, Landwirte oder Ornithologen –
hat die schnelle Ausbreitung der Nilgans für Diskussionen gesorgt. Von einer massiven
Bekämpfung des Eindringlings bis zu neugieriger Gelassenheit reicht das Meinungsspektrum. Tatsache ist: Die
Nilgans darf zur Zeit nicht bejagt werden. Wer nun glaubt, der Name des Vogels gäbe
Auskunft über seine Herkunft, der irrt sich. Mit großer Sicherheit sind unsere
inzwischen heimischen Nilgänse Abkömmlinge einer stabilen Gänsepopulation aus dem
Westen der Britischen Inseln, wo sie zur Bereicherung der Tierwelt ausgesetzt wurde. In
Mitteleuropa haben sie sich dann wohl mit Zooflüchtlingen vermischt, die immer mal wieder
aufgetaucht sind. Ursprünglich ist die Nilgans allerdings doch im gesamten Afrika
verbreitet – mit Ausnahme der Wüstengebiete. Während andere Tierarten sehr genaue
Ansprüche an ihren Lebensraum haben, nimmt die Nilgans es da nicht so eng. So brütet das
gelehrige Tier sowohl an dichten Grabenrändern als auch in den Hohlräumen alter
Kopfbäume. Die erste Lippstädter Nilgansbrut sorgte im Revier eines Jägers für
ungläubiges Staunen: Die Vögel hatten sich in der Krone eins Baumes auf einem alten
Greifvogel-Horst niedergelassen. Für die daunenfedrigen Jungvögel schien der Sturz aus dem Baum kein Problem, sie
waren eines schönen Tages auf dem Baggersee zu sehen. Globalisierung
ist für Tiere und Pflanzen der Normalzustand, ihre Welt wird nur durch unterschiedliche
Lebensbedingungen begrenzt. Die Nilgans ist nicht die einzige Art, die neue Lebensräume
erobert hat. Seit einigen Jahren brütet bei uns auch die größte aller Gänsearten: die
Kanadagans und immer häufiger werden neben den Graureihern auch die schneeweißen
Silberreiher beobachtet.„Warum ist das so, ist etwa doch das
Klima daran schuld?“, werden wir NABU-Mitarbeiter oft von den Gästen in der
Beobachtungshütte am Zachariasse gefragt? Nicht auszuschließen, dass es so ist, aber
einfache Antworten gibt es auf so komplexe Erscheinungen wohl nicht. Wir können immer nur
einen kleinen Ausschnitt des ganzen beobachten. Tatsache ist jedoch, dass Tiere- und
Pflanzengemeinschaften immer schon Entwicklungen und Veränderungen unterworfen waren, nur
waren die Zeiträume länger und deshalb die Veränderungen für Menschen nicht so
augenfällig. Die Beobachtung der heimischen Flora und Fauna
bleibt mit Sicherheit spannend, machen Sie doch einfach mit..... |
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| November 2004 Mit Pfeifen und Trompeten... |
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In Lippstadt zu
Hause sind sie zwar nicht, aber als Gäste machen die Kraniche in jedem Herbst mit lautem
Pfeifen und Trompeten auf sich aufmerksam. Wenn das Wetter passt – am liebsten bei
östlichem Wind - ziehen sie in langen, keilförmigen Ketten über die Stadt. Man kann
sich dem Anblick kaum entziehen, auch ohne Fernglas sind die großen Vögel gut zu
beobachten. Regelmäßig verlässt ein Kranich am Ende dir Kette und rudert mit gleichmäßigen Flügelschlägen langsam an
die Spitze. Der anführende Vogel gibt sofort den Platz frei, lässt sich zurückfallen
und reiht sich hinten in der Kette ein. Offenbar ist die Spitzenposition besonders
kraftraubend, Physik und Luftfahrt bieten eine Erklärung dafür: An unserem
Regionalflugplatz bekommen die landenden Kleinflugzeuge mitunter den folgenden
Sicherheitshinweis vom Towercontroler: „Sie sind Landenummer zwei hinter einem Airbus
– achten Sie auf Wirbelschleppen...“ An
den Tragflächenenden der Flugzeuge und an den Flügelspitzen der Vögel entstehen heftige
Luftströme die wie lange, unsichtbare Zöpfe herumwirbeln. Diese Wirbelschleppen halten
sich eine Zeit lang in der Luft und wenn sie von einem Airbus stammen, können sie ein
hinterher fliegendes Kleinflugzeug durchaus in Schwierigkeiten bringen. Kraniche erzeugen mit ihren großen Schwingen
ebenfalls Wirbelschleppen und die können von dem jeweils folgenden Vogel geschickt
ausgenutzt, den Flug erleichtern. Nur der Vogel in der Formationsspitze muss auf diesen
Vorteil verzichten. Und dann gibt es noch eine häufige Beobachtung: Über der Stadt
angekommen, löst sich der Verband plötzlich auf. Die Vögel kreisen scheinbar
orientierungslos durcheinander und immer wieder befürchten sorgenvolle Naturbeobachter,
Radar- oder gar Handystrahlen seien sicher dafür verantwortlich. Wenn das die Erklärung währe, käme heute kein
Kranich mehr an seinem Winterquartier in Spanien oder Frankreich an. Die großen Zugvögel
zeigen dieses Verhalten auch ohne Radiowellen und Antworten liefern wieder Erfahrungen aus
der Luftfahrt: Heizungsanlagen und Motoren in Städten und Siedlungen erzeugen in der
kühlen Herbstwitterung eine Menge warmer Abgase und die steigen mit ansehnlicher
Geschwindigkeit nach oben. Segelflieger nutzen dankbar diesen Effekt und Kraniche schon
viel länger. Sie lösen ihre Formation auf,
kreisen im Aufwind oft ohne Flügelschlag ein paar hundert Meter höher um dann ihre Reise
fortzusetzen. Nicht immer herrscht der passende Rückenwind und so werden die Kraniche auf
dem Herbstzug zu Pausen gezwungen. Sie haben ihre Jungvögel dabei, und die sind noch
nicht kräftig genug, um die anstrengende Reise in einem Stück zu bewältigen. Die
richtigen Rastplätze sind abgelegene und ungestörte, offene Flächen, aus
Sicherheitsgründen möglichst von Wasser umgeben. Solche Lebensräume sind selten
geworden und fast nur noch in Naturschutzgebieten zu finden. Am Zachariassee in Lipperode
bemüht sich Naturschutzbund NABU solche Flächen zu erhalten. Mit etwas Glück kann man
dort in den November-Abendstunden die Kraniche zur Übernachtung landen sehen. Dabei ist
das hohe Pfeifen der Jungvögel zwischen dem lauten Trompeten der Alten deutlich zu
hören. Die abgeernteten Felder bieten noch
Nahrungsreste und mit der Tagesdämmerung machen sich die Großen Vögel wieder auf den
Weg. |
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| Oktober 2004 Die letzten Saurier |
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Die letzten
Saurier, oder besser: Das, was die Evolution von den Sauriern hat überleben lassen, kann
man mit etwas Glück und Aufmerksamkeit am Rande unserer Stadt beobachten. Es sind die
Zauneidechsen. „Zauneidechsen sucht man nicht, man findet sie“, das sagte mal ein
Herpetologe zu mir, jemand der sich wissenschaftlich mit der Verbreitung der heimischen
Reptilien befasst. Er hatte recht. Alle meine Begegnungen mit Zauneidechsen waren eher
zufällig. Von einer Beobachtung an den wenigen und letzten warmen Tagen des Sommers sei
hier berichtete: Einige prächtig rote
Heidelibellen weckten meine Aufmerksamkeit. Immer wieder landeten die schnellen Flieger
nach ihren kurzen Jagdausflügen auf dem gleichen vertrockneten Ast eines alten
Holzstapels. Der war hier vor etlichen Jahren beim Entbuschen eines Ufersaumes übrig
geblieben und war von der späten Nachmittagssonne durchwärm. Mit dem Fernglas
beobachtete ich die Libellen und sah plötzlich, dass ich ebenfalls beobachtet wurde: mit
kupferfarbenen, aufmerksamen Augen saß da auf dem Ast eine Zauneidechse. Die schlanke
Gestalt und die Färbung der Schuppenhaut passte perfekt zu dem alten Holz – das
Tierchen war praktisch unsichtbar. Jedenfalls bis zu dem Augenblick, als eine kleine
Fliege in der Nähe auf dem Ast landete und darauf herumlief. Lacerta agilis, so der
lateinische Name der Zauneidechse, machte
ihrem Namen alle Ehre. Mit einem blitzartigen Sprung und einer zuckenden Kopfbewegung
verschwand die Fliege im Eidechsenmaul. Mit der bläulichen Zunge wurde das Maul
anschließend sauber abgewischt. Anschließend kroch die kleine Eidechse gemächlich und
ständig züngelnd zu ihrem Platz zurück. Die Beine ausgestreckt und die Rippen gespreizt
wirkte der Eidechsenkörper besonders flach und konnte so die letzten Sonnenstrahlen
aufsaugen. Eidechsen sind wechselwarme Tiere, die
kalte Jahreszeit verbringen die Tiere in frostgeschützter Laubstreu, eingegraben in den
Boden. Wenn die Frühlingssonne den Boden durchwärmt, kommen sie wieder zum Vorschein.
Wer in Südeuropa Urlaub macht und einen Blick für die Tierwelt hat, begegnet Eidechsen
an allen Ecken, manchmal sogar im Hotelzimmer. Die
heimischen Reptilien sind dagegen selten geworden und stehen allesamt auf der „Roten Liste“ der vom
Aussterben bedrohten Arten. Wie so oft liegt der Grund dafür in der Zerstörung ihrer
Lebensräume. Der Naturschutzverband NABU kümmert sich um das ansehnliche Schutzgebiet
Zachariassee in Lipperode. Hier gibt es nicht nur Wasser und Wasservögel, sondern auch
großflächige, verkrautete Magerrasen und Reste ursprünglicher Heideflächen, Gebüsche
und Feldgehölze. Diese nahrungsreichen und offenen Biotope entsprechen genau den
Bedürfnissen der flinken Zauneidechsen. Ihrem deutschen Namen wird die Zauneidechse
durchaus gerecht. Manchmal gelingt es, sie in den Wiesen auf einem alten und rissigen
Riegelpfosten in der Sonne zu überraschen. Aber in der Regel ist sie die erste, die uns
entdeckt hat und mit einer flinken Bewegung ist sie in einer Holzspalte verschwunden,
lange bevor unser Schatten auf den Zaunpfahl fällt. Eidechsen kann man nun mal nicht
suchen.... |
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-September 2004 seltsamer Raupenschlepper |
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In diesem Sommer haben sich viele Menschen mit der
heimischen Tierwelt befasst – mitunter auch unfreiwillig. Zuerst waren es die Bussarde,
die sich unangenehm aufdrängten und dann kamen die Wespen an den Gartentisch und ins Haus
um uns Kuchen und Grillfleisch streitig zu machen. Nebenbei raspelten sie Holz von den
Gartenmöbel um daraus Baumaterial für eindrucksvolle Papiernester zu gewinnen. Die
gelb-schwarze Zeichnung ist kein Zufall – oder biologisch exakter: Das wir auf die
Warnfarben mit Vorsicht reagieren ist kein Zufall. Es ist möglicherweise angeboren und
durchaus sinnvoll denn Wespen stechen bei Bedrohung unbestritten schmerzhaft. Wir haben
diese Warnfarben übernommen: Stolperfallen und Hindernisse auf Verkehrswegen werden auch
schwarz-gelb markiert, der Hinweis wird ohne Worte verstanden, denn unser Gehirn nimmt den
Kontrast zwischen diesen Farben intensiver war als etwa schwarz und weiß. Aber nur gerade
mal 3 heimische Wespenarten zeigen dieses Verhalten und bringen die mehr als 10.000 (!)
anderen mitteleuropäischen Hautflügler-Arten in Verruf. Die kleinsten sind nur wenige
Millimeter groß und die größte, völlig harmlose Holzwespe schafft es auf über 4cm.
Der Naturschutzbund NABU stellt hier eine heimische Wespenart vor, die auf den sandigen
Böden am Rande der Stadt gar nicht so selten ist. Sie lebt alleine und ist schon deshalb
wenig auffällig: Amophila - die Große Sandwespe. Etwa 3cm groß ist das zerbrechlich
wirkende Insekt dass sich nur vom Nektar der Sommerblüten ernährt. Lackschwarz mit einem
leuchtend orangeroten Fleck auf dem Hinterleib rennt Amophila auf dem sonnenwarmen Sand
zwischen den spärlichen Grashalmen herum, bleibt plötzlich stehen und beginnt ein Loch
zu graben. Zielsicher zieht sie die dicke Raupe eines Nachtfalters aus dem Boden. Die
Raupe hatte ihr bisheriges Leben damit verbracht, pausenlos Kohl- oder Salatblätter zu
fressen. Jetzt hat sie sich hier eingegraben um als Schmetterlingspuppe auf den Winter zu
warten. Im nächsten Frühjahr schlüpft dann – normalerweise - ein neuer Schmetterling. Doch daraus wird diesmal
nichts. Wie mit einer Injektionsspritze sticht die Wespe ihren haardünnen Stachel in die
Raupe. Das Gift wirkt schnell, es lähmt sie auf der Stelle ohne sie zu töten. Mit ihren Kiefernzangen greift Amophila in eine
Hautfalte und beginnt die Raupe abzuschleppen. Ein unglaublicher Marsch beginnt: 60 -100m
weit zerrt sie die schwere Beute zielstrebig durch die Gegend - zu Fuß, denn für einen
Lufttransport ist die Beute viel zu schwer. Nach
einem scheinbar endlosen Marsch lässt sie die Raupe plötzlich los, läuft hektisch im
Kreis, gerade so als hätte sie die Orientierung verloren. Plötzlich bleibt sie stehen
und greift mit ihren Kiefern nach einem Stein. Wie einen Kanaldeckel legt sie ihn bei
Seite und ein Loch im Boden wird sichtbar – exakt so groß wie eine Raupe. Rückwärts
klettert die Wespe in das Loch, kommt wieder hervor und zerrt die Raupe unter die Erde.
Nach einer Minuten ist die Sandwespe wieder da und beginnt mit hektischen Bewegungen das
Loch zu verschließen. Mit den Hinterbeinen wird der Sand in die Röhre geschleudert. Wenn
das Loch gefüllt ist, wird die Oberfläche festgetrampelt und mit dem Kopf verdichtet.
Zum Abschluss kommen ein paar Steinchen darüber und mit Pflanzenresten wird der Tatort
unsichtbar gemacht. Perfekt sind alle Spuren verwischt und der Beobachter fragt sich was
der ganze Aufwand sollte, denn in der Erde war die Raupe auch schon vorher.... Amophila hatte unter der Erde ein Nest für ihren
Nachwuchs vorbereitet. Wie sie es nach dem langen Transport wieder gefunden hat, ist ihr
Geheimnis. In der Höhle hat sie ein Ei auf die Raupe gelegt und so dem Nachwuchs
genügend Nahrungsvorrat mitgeliefert. Zwei bis drei Wochen bleibt die gelähmte Raupe
frisch, bevor sie von der geschlüpften Wespenlarve verzehrt ist. Im nächsten Sommer wird
sich hier kein Schmetterling aus dem Sand graben sondern eine schlanke Sandwespe.
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-August 2004 Teufelsnadeln |
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Manchmal hält nichts so lange, wie der schlechte Ruf – erst Recht, wenn er
unberechtigt ist. Dieses eigenartige Phänomen trifft auch auf tierische Zeitgenossen zu,
etwa den Libellen. „Sieben Stiche sind tödlich für ein Pferd und ein Stich tötet
einen Menschen“, so bin ich als Kind immer vor diesen genialen Flugkünstlern gewarnt
worden. Umgekehrt stimmt die Sache schon eher: Der Biss eines Pferdes reicht aus, um eine
Libelle zu töten..... Aber Scherz bei Seite und noch einmal klar und deutlich für alle,
die dem Aberglauben aufgesessen sind: Libellen können nicht stechen und haben es nie
gekonnt, sie sind harmlos. Das gilt natürlich nicht, wenn man zum Beuteschema gehört. Unbeweglich sitzen die Jäger auf einem Zweig oder
einer Blüte und drehen den vergleichsweise großen Kopf, der nur aus Augen zu bestehen
scheint, auf dem dünnen Halsstil hin und her. Nähert
sich ein anderes Insekten wie z.B. ein Schmetterlinge, startet die Libelle zum
Überraschungsangriff. Noch in der Luft wird die Beute zerlegt. Dabei benutzt die Libelle
ihre kräftigen Kiefern wie eine Kneifzange und trennt die Flügel des Schmetterlings ab.
Die Großlibellen, zu denen die Plattbauch-Libelle (Foto) gehört, jagen auch schon mal
die sehr viel kleineren und langsameren Verwandten, die Schlankjungfern. Diese
zerbrechlich scheinenden Tierchen, himmelblau oder kräftig rot gefärbt mit schwarzen
Mustern, sitzen im Sommer oft an Schilf und anderen Gräsern in Gewässernähe, wovon wir
in Lippstadt ja reichlich haben. Im Gegensatz zu den schnellen Großlibellen klappen sie
bei den Flugpausen ihre zarten Flügel nach hinten und sehen schon deshalb nicht mehr so
bedrohlich aus. Libellen haben einen interessanten Lebenswandel. Die Tiere verbringen die
längste Zeit ihres Lebens – einige Arte mehr als ein Jahr – unter Wasser. Als Larve
leben sie im Bodenschlamm und lauern nach Allem, was sich
irgend überwältigen lässt. Gut so, denn ein großer Teil der Stechmücken, deren
Larven ebenfalls hier aufwachsen, bleibt uns so erspart. Nach mehreren Häutungen hat sich
im Inneren eine unglaubliche Verwandlung vollzogen: In der Larvenhaut ist ein völlig
neues Tier entstanden. Aus dem Wasserlebewesen ist ein Flugkünstler geworden. Zum letzten
Schritt dieser Verwandlung muss die Libellenlarve allerdings das Wasser verlassen. Sie
klettert in einer warmen Sommernacht (jetzt ist auch klar, warum man in diesem Jahr so
selten Libellen antrifft....) einen Schilfhalm empor bis über die Wasseroberfläche.
Einige Stunden geschieht scheinbar nichts, plötzlich aber platzt die Libellenlarve
entlang einer Sollbruchstelle am Rücken auf
und quälend langsam schiebt sich der Vorderteil mit dem Kopf aus der Hülle heraus und
kippt nach hinten über. Gut, dass die Beine der alten Larvenhülle fest im Schilfblatt
verankert sind, denn ein bis zwei Stunden kann es dauern, bis der nächste Schritt
möglich ist: Plötzlich richtet sich die Libelle auf, krallt sich mit ihren neuen Beinen
an der Larvenhülle fest und zieht den Hinterlaib aus der jetzt leeren Hülle. In den
kommenden Stunden werden die Flügel aufgepumpt, die bis zu diesem Zeitpunkt wie kleine
Rucksäcke an der Libelle hängen. Wenn der Morgen anbricht, ist die Libelle so weit
entwickelt, dass die ersten Sonnenstrahlen das noch weichhäutige und hilflose Wesen
trocknen. Ein leichtes Zittern der Flügel lässt den Beobachter erkennen, dass die
Libelle sich gleich in die Luft erheben wird – so, als hätte sie nie etwas anderes
getan.
Wenn Sie einen Gartenteich haben in dem keine Fische leben, dann gönnen Sie sich
doch mal den Genuss eines solchen kleinen Abenteuers. Wenn der Grill aus ist und die
Gäste nach Hause gegangen sind, legen Sie sich mit einer Isomatte, einer Taschenlampe und
einem guten Buch an den Teich und warten einfach mal ab – es ist wirklich spannend, was
da geschieht.... |
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-Mai 2004 Der große Zug |
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So ganz passt die Überschrift
diesmal nicht – sie müsste besser heißen: „ In Lippstadt zu Gast....“. Und
diese Gäste fallen in diesen Tagen - leider nicht immer aus heiterem Himmel - in kleinen
Trupps oder als Einzelgänger an unseren Gewässerufern ein. Diese seltsamen Vögel
bekommen wir sonst das ganze Jahr über nicht zu sehen und zu hören, mit etwas Glück
noch mal im Spätsommer. Es braucht schon ein wenig Übung um sie überhaupt zu entdecken.
In der renaturierten Lippeaue und an den Flachufern der Baggerseen fallen sie geradezu vom
Himmel, sind für ein paar Stunden oder wenige Tage unsere Gäste und ziehen dann eilig
weiter. Es sind die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln: Watvögel, die an flachen
Gewässerufern ihre Nahrung suchen. Nach der Landung wird kurz das Gefieder in Ordnung
gebracht und dann laufen die oftmals unscheinbar gefärbten Vögel hektisch am Wasser
entlang, ständig den Schnabel am Boden oder in den weichen Schlamm gebohrt. Wenn sie satt
sind, stecken sie den Kopf unter die Flügel - immer mit einem Auge die Umgebung
beobachtend - und ruhen etwas aus. Dann, nach einem kurzen Bad im flachen Wasser, fliegen
sie auf und sind verschwunden. Unbekanntes klingt in unseren Ohren oft seltsam, so ist es
auch mit den Namen dieser Vögel. Die ersten in diesem Jahr waren die Kampfläufer.
Grünschenkel und Waldwasserläufer waren auch schon zu sehen und bis in den Mai hinein
werden wohl noch Bruch- Waldwasser- und Alpenstrandläufer zu beobachten sein. Dazu kommen
Rotschenkel, Knutt und Kiebitzregenpfeifer und möglicherweise die eine oder andere
Seltenheit, über deren Entdeckung sich die Vogelkundler dann besonders freuen. Die
kleine Beobachtungshütte vom Naturschutzbund NABU im Naturschutzgebiet Zachariassee
in Lipperode ist ein guter Platz für solche Entdeckungen, ein gutes Fernglas
vorrausgesetzt. Die Nahrungsgäste sind auf einer langen Reise und es stellt sich die
Frage, ob diese Weltbürger überhaupt irgendwo zu Hause sind. Sie verbringen den Winter
in den Feuchtgebieten von West- und Südafrika und fliegen zur Brut und Aufzucht ihrer
Jungen in den kurzen Sommer der Arktis und siebirischen Tundra. Eine Strecke von rd. 15
000 km kommt da zusammen und auf dem Rückflug im Herbst wird die gleiche Flugleistung
noch einmal erbracht. Ein solch kräftezehrender und riskanter Lebenswandel wirft
zahlreiche Fragen auf und kaum ein anderes Phänomen hat Vogelforscher
bis heute so fasziniert und beschäftigt wie der Vogelzug. In der Geschichte des Lebens
setzen sich ungewöhnliche Verhaltensweisen immer dann durch, wenn sie einen Vorteil beim
Überleben sichern. Dabei steht das Fressen an erster Stelle und wenn ein kleiner Vogel in
kürzester Zeit vier oder fünf Jungvögel aufzieht die nach wenigen Wochen selbstständig
sein müssen, ist dazu eine Menge Nahrung notwendig. Ein solches Nahrungsangebot für
einige Millionen Jungvögel und ihre Eltern gibt es in den scheinbar grenzenlosen
Sümpfen, die im kurzen arktischen Sommer auf den Dauerfrostböden entstehen. Es sind vor
allem Mücken und andere Insekten und wer seine Urlaubsreise am Polarkreis in Norwegen
oder Schweden macht, bekommt einen Eindruck davon... Offenbar ist die weite Reise also
notwendig und erfolgreich. Eine Antwort auf eine weitere Frage zum Vogelzug ist
seit wenigen Jahren geklärt: Die Zugrichtung ist angeboren und wohl nicht erlernt, sie
wird von den Eltern auf die Jungvögel vererbt. Andere Fragen zur Energieversorgung und
zur Orientierung auf dem Flug sind teilweise beantwortet. Dazu gibt es neuerdings
Beobachtungen, dass einige Vogelarten ihr Zugverhalten ändern, möglicherweise in
Zusammenhang mit globalen Klimaveränderungen. Aber dass macht die Naturbeobachtung so
spannend: Jede scheinbar richtige Antwort wirft mindestens zwei neue Fragen auf.
So verbergen sich hinter den kurzen
Besuchen von Kampfläufer und Co. In Lippstadt noch eine Menge Rätsel... |
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- März 2004:
Der Große Brachvogel |
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Kennen Sie das
auch? Bei jedem Wechsel der Jahreszeiten gibt es ganz persönlich Erinnerungen und
Signale, die z.B. den Frühling unumkehrbar ankündigen, auch wenn das Wetter mit seinen
Temperaturen so gar nicht passen will. Dazu gehören heute leider zunehmend auch die
ersten Tropfnasen und Augen, die allergisch auf die Vorfrühlingsblüher reagieren. Es
sind aber auch Töne und Geräusche die mit großer Zuverlässigkeit ankündigen: Der
Winter geht zu Ende. Vom Giebel des Nachbarhauses singt beim Sonnenaufgang schon
versuchsweise die Amsel für ein paar Minuten, der Buntspecht gibt die ersten Klopfzeichen
und auf den Wiesen an der Lippe und den Baggerseen schweben die Kiebitze, die ersten Stare
und Wachholderdrosseln ein. Und dann ist da
plötzlich ein flötender Ruf in der Luft, der sich von allen anderen unterscheidet: Ein
warm klingendes, melodisches Flöten das in einem langgezogenen Trillern ausklingt: Sie
sind wieder zurück, die Großen Brachvögel. Diese seltsamen und leider auch seltenen
Vögel mit ihrem langen, krummen Schnabel haben ein besonderes Ansehen erlangt – wie das
so ist, mit allem was selten ist. Der Name dieses braun gescheckten Wiesenvogels sagt
schon, worum es geht: Der Große Brachvogel liebt, wie der Kiebitz, die Bekassine und die
Uferschnepfe die offene Landschaft. Überschwemmungsgebiete, Flach- und Hochmoore waren
ursprünglich sein bevorzugter Lebensraum. Die übrige Landschaft war weitgehend bewaldet.
Ortsbezeichnungen wie „Lippebruch“, „Lipperode“ und „Mastholte“ - ein Wald, in
den die Schweine zur Mast mit Eicheln getrieben wurden, erinnern daran. Als im 19.
Jahrhundert die Waldweiden gerodet wurden um Streu und Flößwiesen in den Flusstälern zu
gewinnen, fand der Brachvogel neue und ideale
Lebensräume. Die nassen Wiesen boten den Bodennestern Schutz vor Fuchs und Marder, die
sich ungern nasse Füße holen. Die Streuwiesen wurden erst im Juni gemäht, denn das bis
dahin kräftige Gras diente als Einstreu in den Ställen. Die jungen Kiebitze und
Brachvögel – Nestflüchter wie alle Wat- und Wiesenvögel - waren bis dahin schon so groß, dass sie vor
dem Mähgeräte des Bauern flüchten konnten.
In der Folgezeit
entwickelte sich die Landwirtschaft weiter, die Feuchtwiesen wurden durch Drainagen und
Gräben trocken gelegt, das Grünland umgebrochen und
auf großen Flächen Mais angebaut. Der Brachvogel - einst Charaktervogel der
westfälischen Landschaft, verschwand mit seinen Lebensraumgenossen. 1982 wurden in
Deutschland vom damaligen „Vogel des Jahres“ nur noch etwa 5000 Brutpaaren geschätzt,
seit dem sind die Bestände noch einmal um rd. 20 % zurückgegangen. Bei uns in Lippstadt
gibt es nur noch ein bis zwei Paare. Brachvögel sind sehr standorttreu und werden recht
alt – von bis zu 30 Jahre alten Vögeln berichtet die Literatur. Auch wenn die
ehemaligen Feuchtwiesen längst umgebrochen sind, legen sie dort immer wieder ihre Nester
an, ohne Aussicht auf einen Bruterfolg.
Im
Naturschutzgebiet Zachariassee versucht der NABU die letzten Brachvogel- und
Wiesenvogelreviere zu erhalten und wieder zu vernässen. Dazu wurde das Grünland von der
Nordrhein-Westfalen-Stiftung, dem Kreis Soest und von
den Stadtwerken Lippstadt erworben und Naturschutzzwecken zur Verfügung gestellt. Die
Wiesen werden an Landwirte verpachtet die sich verpflichten, die Naturschutzbedingungen
einzuhalten. Die erste Mahd erfolgt erst im Juni, der Einsatz von Kunstdünger und
Pestiziden ist auf den Naturschutzflächen verboten. Dadurch ist auch die Nahrung des
Brachvogels, die vorwiegend aus Würmern und Insekten besteht, gesichert. Die
Schutzmaßnahmen sind erfolgversprechend: Unsere Brachvögel konnten im vergangenen
Frühjahr nach über 10 Jahren erstmalig 3 Junge aufziehen. Inzwischen
sind sie wieder zurück aus dem Winterquartier und haben ihr Revier mit ihrem wohlklingen
Ruf in Besitz genommen. Auf den Webseiten des NABU können Sie den Brachvogelgesang
anhören: [Start]. Um die letzten
Lippstädter Brachvögel zu schützen und ihrem Nachwuchs eine Chance zur Wiederansiedlung
zu geben, sind weitere Schutzmaßnahmen im NSG-Zachariassee notwendig. Die neue
Naturschutzverordnung untersagt deshalb zusätzlich zu den bestehenden Einschränkungen
ein Betreten des Schutzgebietes zwischen dem 1. März und dem 30. Juni für Besucher und
Spaziergänger. In dieser sensiblen Zeit kann das Schutzgebiet nur noch von der
Beobachtungshütte aus eingesehen werden. Der NABU bittet um Verständnis und Mithilfe beim Schutz der letzten Brachvögel in
Lippstadt. |
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- Februar 2004:
Der
Zaunkönig – Vogel des Jahres 2004 |
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Für alles gibt es
eine Kommission: für das Unwort des Jahres, für ...des Jahres und natürlich auch für
den Vogel des Jahres. Für Letzteren zeichnet der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und
der Landesbund für Vogelschutz Bayern (LBV) verantwortlich. Um Jahresvogel zu werden muss
man nicht besonders selten, groß oder schön sein, man muss Repräsentant eines
bestimmten Lebensraumes sein und eine größere Anzahl Sympathisanten unter den Mensachen
haben. Rabenkrähe, Elster oder gar Kormoran haben da zur Zeit schlechte Aussichten auf
eine Nominierung.... In diesem Jahr ist also der Zaunkönig Vogel des Jahres. Wie
aber kommt ausgerechnet der kleinste Singvogel der Region mit gerade mal 10 Gramm
Körpergewicht zu einem so großen Namen? Zumindest seit Napoleon wissen wir, dass geringe
Körpergröße kein Hindernis für Erfolg sein muss und wer den kleinen Zaunkönig
beobachtet wird überrascht sein mit welcher Stimmgewalt die kleine Federkugel ihr
Königreich beherrscht. Im Reich des Zaunkönigs herrscht Ordnung und zwar eine
natürliche Ordnung, die durchaus nicht immer den Vorstellungen ordnungsliebender
Gartenbesitzer entspricht. Gute Beobachtungsmöglichkeiten bietet ein Garten, in dem Laub,
ältere Staudenpflanzen, abgelagerter Kompost und der Heckenschnitt vom Vorjahr alles
bietet, was der Zaunkönig zum Leben braucht. Hier findet er genügend Deckung, Nahrung
und oft auch einen geeigneten Brutplatz. Während die meisten Singvögel dabei als Nest
oben offene Mulden bauen, klebt der Zaunkönig ein eher eiförmiges Gebilde aus
angerottetem, feuchtem Laub und Moos zusammen. Seitlich führt eine winzige Öffnung in
die dickwandige Nestkugel die innen mit Haaren und Federn ausgepolstert ist. Zur Tarnung
wird die Außenwand mit Material aus der unmittelbaren Umgebung verziert so dass das Nest
auch von Menschen nicht immer gleich als solches erkannt wird. So kann es durchaus
passieren, dass die Nestkugel von ordentlichen Gartenbesitzern als vermeintlich störender
Laubhaufen aus der Ranke an der Hauswand gerissen wird. Wer so kurze
Flügel wie der Zaunkönig hat, wird es im Winter nicht, wie viel andere Singvögel, bis nach Spanien oder gar Afrika schaffen. Der
kleine Vogel verlässt sein Königreich auch im Winter nur selten. Oftmals rückt er jetzt
noch näher an die menschliche Gesellschaft denn Komposthaufen erzeugen genügen Wärme,
um auch an kälteren Wintertagen winzige Insekten als Futter für den Zaunkönig bereit zu
halten. Und dann kommt da noch (jetzt wird´s ein bisschen wissenschaftlich...) ein
physikalisch-geometrisches Problem hinzu: Je kleiner eine (Vogel)-Kugel ist, desto
ungünstiger ist das Verhältnis zwischen Körperoberfläche und Körpervolumen. Das
bedeutet, dass der kleine Vogel in der Kälte
sehr viel schneller auskühlt, als größere Arten. Für die kalten Winternächte baut
sich der Zaunkönig deshalb ein besonderes Schlafnest. An sehr kalten Tagen werden solche
Nester klugerweise gleich von mehreren Vögeln genutzt, die eng aneinandergekuschelt in
der schützenden Nestmulde hocken. Möchten Sie jetzt mehr über den kleinen Vogel mit dem
großen Namen und der lauten Stimme erfahren, dann können Sie beim NABU eine farbige
Broschüre (gegen Einsendung von fünf Briefmarken zu je 55 Cent) über den
jahresvogel beziehen oder sich auf den NABU-Webseiten
umschauen: http://www.nabu-soest.de/.
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- Januar 2004:
Wintergäste am
Zachariassee |
die Reiherente |
Wer in diesen
Wintertagen die kleine Beobachtungshütte am Zachariassee in Lipperode besucht, sollte ein
Fernglas und etwas Zeit mitbringen. Nicht immer ist die große Zahl der Wasservögel auf
Anhieb zu sehen, die den etwa 35 ha großen See bevölkern. Je nach Wetter und
Windrichtung verstecken sich die Enten gerne im Ufergestrüpp und im Schilf. Wer sie aber
erst einmal entdeckt hat, wird erstaunt sein: 2500 Enten, einige hundert Gänse, dazu
Graureiher, Haubentaucher und Kormorane kann man hier vor allem in den späten
Nachmittagsstunden beobachten. „Kann man
denn nichts gegen die vielen Enten machen“, so die ernst gemeinte Frage an Peter
Hoffmann vom Naturschutzbund NABU von einem Besucher, der verwundert mit seinem Fernglas
über den See schaute? Ein anderer Gast
wenige Tage vorher wollte ebenso ernsthaft wissen, womit wir die Enten füttern, damit sie
in so großer Zahl an dem ehemaligen Baggersee bleiben.
Die Antworten sind einfach: Der Zachariassee und seine Umgebung sind ein
Naturschutzgebiet. Das bedeutet: Keine Wasservogeljagd, keine Rundwege und deshalb auch
keine Störungen durch Sportfischer oder Spaziergänger und frei laufende Hunde am
Seeufer. Selbstverständlich wird hier nicht zugefüttert. In der Sicherheit der Nacht
grasen die Enten auf den Wiesen und Feldern in der Umgebung des 140 ha großen
Schutzgebietes. Die Gänse, zur Zeit eine bunte Mischung aus Grau-, Saat-, Bleß-, Nil-,
Nonnen- und Kanadagänsen, kann man auch tagsüber dort beobachten. Der See ist durch die
Wasservögel nicht gefährdet, durch faulende Brot- und Essensabfälle wäre er das
allerdings sehr, wie man an den Gewässern im „Grünen Winkel“ eindrucksvoll erkennen
kann. Eine Entenart hat sich jedoch auf eine besondere Nahrung
spezialisiert, es ist die Reiherente. Diese hübsche schwarz-weiß gefiederte Enten, deren
Männchen eine schmucke „Reiherfeder“ am Hinterkopf tragen, sind sehr geschickte
Taucher. Zu ihrer Lieblingsnahrung gehören die Wandermuscheln und Wasserschnecken, die
inzwischen jedes Stück Bauschutt besiedelt, das
früher in dem ehemaligen Baggersee versenkt wurde. Die
Reiherente ist erst in den letzten Jahrzehnten bei uns aufgetaucht und gehört
mittlerweile zum festen Arteninventar unserer heimischen Wasservögel. Am Zachariassee und
an den Kleingewässern an der Lipperoder
Burgruine brütet die Reiherente. Die Weibchen leben mit ihren wenigen Entenküken sehr
zurückgezogen und niemals führt sie ihre Jungen so offen über das Gewässer, wie wir
das von den Stockenten gewohnt sind. |
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